April 2018 - Ausgabe 198
Geschäfte
Chronologie einer Schnapslegende ![]() von Eckhard Siepmann |
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Der Elefant im Brauhaus.![]() Foto: Michael Hughes
Doch das ist nicht das Ende der Geschichte. Durch die hohen, halbrunden Fenster des Sudhauses der ehemaligen Weißbier-Brauerei Hilsebein am Tempelhofer Berg schimmert gelblich-rotes Licht. Ein weißer Elefant auf rotem Grund lockt in den Backsteinbau, in »Mampes Neue Heimat«, wie das Türschild informiert. Dahinter öffnet sich ein acht Meter hoher Raum. An rohen Steinwänden hängen Portraits, Urkunden, Fotos, Zeitungsausschnitte. Ein Kneipen-Buffet mit historischen Flaschen und Porzellan-Elefanten betont den musealen Charakter, der von einem gläsernen Labor im Mittelpunkt des denkmalgeschützten Destillier-Saals durchkreuzt wird: hier wird experimentiert und produziert! In Steingut-Fässern und Glas-Bouteillen lagern Persico, Kümmel, Wodka und Wacholderdestillate. Eine Eisentreppe führt in eine offene Hochebene mit Bar, Paletten-Tischen und Chesterfield-Sofas. Da sitzt einer der beiden Geschäftsführer der reanimierten Schnapsfirma, ein Mittfünfziger im Mampe-T-Shirt und Jeans im destroyed-look. Von Hause aus Werbefachmann und Kölner, traf Tom Inden-Lohmar vor acht Jahren per Zufall durch einen Job in Berlin auf die heruntergekommene Marke Mampe und erkannte ungehobenes Potential. Der bekannteste Berliner Schnaps mit seinen vielen Histörchen, die positiven Erinnerungen auch junger Leute an die Flasche mit dem Elefantenanhänger im Barfach der Großeltern und dann das Club-Comeback der Magenbitter - da müsste doch was drin sein! Tom erzählt die Geschichte vom Markenrelaunch »Mampe« in Kreuzberg als Marketing-Coup: Ein Produkt aus Berlin für Berlin sollen die Schnäpse sein. Nur hier erhältlich und eng verwoben mit der Stadt. Die junge Generation bekenne sich im Gegensatz zu ihren Eltern wieder zur Tradition, der Generationskonflikt der 80er sei verschwunden. »Und welcher Bezirk will Mampe sein? Kreuzberg 61! Eher jazzig als elektronisch, eher Mainstream als intellektuell, eher Eckkneipe als Technoclub, nicht elitär, eher gediegen – so wie der Bergmannkiez!«, sagt Tom. Die handgemachten Destillate vom Tempelhofer Berg gibt es in einschlägigen Kneipen wie Yorckschlösschen, Möbel Olfe, Kollo, Vogt´s Bierexpress und Destille – es könnten noch mehr werden. Der Klassiker »Halb und Halb« wird längst im größeren Stil produziert und ist bei Edeka oder Lehmann im Regal. Den Rest des Sortiments gibt es am Tempelhofer Berg 6. »Und von jedem »Königin Mampe Wodka« gehen 5 Euro an den Kältebus.« sagt Tom. Mampe hatte Glück mit der neuen »Produktions- und Eventlocation« neben der Bergmannstraße. Das ehemalige Brauereigelände beherbergt eine funktionierende Kreuzberger Gewerbe-Mischung, sogar der Eigentümer unterstützte Tom und seine dreiköpfige Crew bei der Renovierung. Doch der finanzielle Durchbruch steht noch aus, eine Fangemeinde unterstützt das Geschäft durch Crowdfunding, Führungen sollen das Geschäft ankurbeln: Für 16 Euro können Interessierte Mampes Geschichte schmecken und erleben. ![]() Foto: Michael Hughes
Unten im Labor steht Stefan, der Meister-Destillateur, und versiegelt Mampe-Flaschen. »Alles Handarbeit hier. Die Plastik-Elefanten kommen aus einer Neuköllner Ein-Mann-Werkstatt, der Zwirn wird im Knast Moabit angeknotet, ich fülle ab, klebe die Etiketten auf und stempele.« Aber Stefan erfindet auch neue Geschmacksrichtungen wie die Gin-Mischung »Kreuzberg 61« mit einem Ansatz aus Berliner Kräutern, Wacholder, Johannisbeeren... »Es ist wie bei der Kartoffelsuppe, am zweiten oder dritten Tag schmeckt sie anders als am ersten, man muss den richtigen Zeitpunkt finden.« - »Eine lokale, wilde Multi-Kulti-Mischung wird das werden, schräg wie 61!«, sagt Tom. Wir sind wieder mitten im storytelling. »Sieht Tom nicht fast aus wie Carl Mampe auf dem Gemälde?«, fragt Stefan. • |