August 2014 - Ausgabe 161
Geschichten & Geschichte
Oskar und das Klavier ![]() von Olaf Durkamp |
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Bei Herbert Dahl am Ku´damm traf sich einmal im Monat die Kreuzberger Boheme zum Jour Fix, unter ihnen auch Oskar Huth. Als der reiche Mäzen aus Charlottenburg eines Tages die große Wohnung aufgab, wusste man nicht, wohin mit seinem Flügel. Oskar Huth, der Sohn des Klavierbauers, witterte ein Geschäft, erzählte im Zwiebelfisch so lange und so begeistert von einem wunderbaren Konzertflügel, bis der Wirt beschloss, das gute Stück zu kaufen. Oskar versprach, ihn gewissenhaft zu restaurieren, dann sollte das gute Stück weiter verkauft und der Gewinn brüderlich geteilt werden. Zu diesem Zweck brachte man das Instrument zunächst einmal in die Werkstatt eines Klavierbauers in der Zossener Straße. Doch Oskar Huth war ein vielbeschäftigter Mann, auf der glänzenden Schellackpolitur ließ sich eine dicke Staubschicht nieder, bis Huth eines Tages zu seinem Klavierbauer sagte: »Ich komme nicht dazu, Brüderchen, ich habe so viel zu tun... Könntest du vielleicht mal...« - Der Kollege konnte, »na selbstverständlich.« Nun handelte Huth aber nicht nur mit Flügeln, sondern auch mit Bildern. Eines dieser Bilder - das Aquarell einer Musikergruppe aus dem Pinsel Oskar Huths persönlich - gefiel dem Klavierbauer so gut, dass er Oskar Huth nach dem Preis fragte. »Naja, Brüderchen, also für dich...« Am Ende einigte man sich auf 3500 Mark und beschloss, es rahmen zu lassen. Oskar bot sich an, diese Arbeit selbst zu übernehmen, aber es vergingen Monate, ohne dass etwas geschah. Bis der Klavierbauer mit schwarzer Farbe der Einfachheit halber einen Rahmen um das Bild an die Wand malte. Dabei kleckste allerdings etwas Farbe auf das Bild. Als Oskar Huth sein Bild wiedersah, schlug er erschüttert die Hände über dem Kopf zusammen: »Brüderchen, was hast du gemacht! Das muss ich unbedingt sofort restaurieren.« Also holte sich Huth die Musikergruppe eines Tages wieder ab. Wieder verging viel Zeit, bis der neue Eigentümer des Bildes sich nach dem Fortschritt der Restaurationsarbeiten erkundigte. Doch Huth war ein vielbeschäftigter Mann, das Bild noch immer nicht fertig. Eines Tages aber erzählte ein Freund dem Klavierbauer, dass er besagtes Aquarell in der Wohnung einer gewissen Margret Hoffmeister gesehen habe. Die Bekannte hatte es als Pfand erhalten, als Oskar Huth dringend eine größere Summe Geldes benötigte. Allerdings hatte er das Bild unter irgendeinem Vorwand schon bald wieder abgeholt. Monate später tauchten die Musiker, nach unzähligen Stationen in halb Berlin, dann in der Galerie Jes Petersen auf, schräg gegenüber von Huths Wohnung. Bis sich die Spur irgendwann ganz verlor. Als der Kollege aus der Zossener Straße seinen alten Freund nach dem Verbleib des Bildes fragte, antwortete der ohne viel Umschweife und mit reinstem Gewissen: »Ja aber, Brüderchen, aber du hast doch meinen Flügel als Pfand!« - Dass der zumindest zur Hälfte dem Wirt vom Zwiebelfisch gehörte, war ein zu vernachlässigendes Detail. Und dass der Wirt bis zum heutigen Tag auf seinen Flügel wartet, damit hatte der Oskar Huth nun tatsächlich nicht rechnen können. • |