August 2014 - Ausgabe 161
Literatur
Übermut im Untergrund ![]() von Ilse-Margret Vogel |
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Die Dreizimmerwohnung war gemütlich, die Räume nicht groß und auf typische Art der deutschen Mittelschicht eingerichtet. Doch in einem Raum gab es eine Überraschung: Ein wunderschönes Klavichord. Oskar ließ seine Hand liebevoll über den Deckel gleiten, der mit Intarsien aus Perlmutt und Elfenbein verziert war. »Auch selbstgemacht«, sagte er. »Du hast es selbst gebaut?« Oskar nickte. Er setzte sich und begann zu spielen. Aber im selben Augenblick wurde er vom Heulen der Sirenen unterbrochen. »Komm«, sagte er, »wir müssen in den Luftschutzkeller.« »Du kannst gehen, wenn du willst«, sagte ich trotzig. »Du weißt, dass ich keinen Bunker betrete.« »Aber du musst, Ilse, bitte! Ich muss mich dort bei den Hausbewohnern sehen lassen, um mich so normal wie möglich zu verhalten. Ich kann es mir nicht leisten, aufzufallen.« Immer noch zögerte ich. »Außerdem«, sagte Oskar, »wirst du meinen Arbeitsraum sehen. Mein Laboratorium sozusagen – und mein Schlachtfeld«. Das erregte meine Neugier und ich folgte ihm. Oskar begrüßte die Menge im Keller mit einem gutgelaunten »Heil Hitler«, stellte mich als seine Kollegin Erika vor und sagte, während dieser lästigen Luftangriffe könne er endlich seine Arbeit an der Druckermaschine nachholen. Dabei öffnete er das Vorhängeschloss an der Tür eines Verschlages, der vom Hauptkeller abgeteilt war. »Heute«, sagte er und hob die Stimme, so dass jeder ihn hören konnte, »drucke ich ein Merkblatt mit den Forschungsergebnissen meines Vorgesetzten, des Veterinärs Dr. Pfeffer. Es betrifft die sogenannte Feiertagskrankheit bei Pferden«. Wir betraten den Verschlag. Noch wusste ich nicht, was ich von dem schweren Einrichtungsgegenstand in der Mitte des engen Raumes halten sollte, doch sofort führte Oskar ein weißes Blatt Papier ein und drückte auf einen Knopf. Das Ganze begann laut zu rattern, und im nächsten Moment zog er einen mit Buttermarken bedruckten Bogen heraus. Er legte den Finger auf die Lippen, um mir zu bedeuten, ich solle schweigen. Doch das war überflüssig. Ich war sprachlos. Er fuhr fort, bis er ungefähr ein Dutzend Bogen bedruckt hatte. Dann hielt er die Maschine an. Schnell nahm er ein anderes Stück Papier, für diesen Zweck schon vorbereitet, trat aus dem Verschlag zu den Leuten. Sie wurden gut unterhalten, als Oskar ihnen vorlas, was er vor-gab, gerade gedruckt zu haben: »Arbeitspferde, die an harte Arbeit gewöhnt sind, werden krank, wenn sie einige Zeit(...).«• Vorabdruck aus »Übermut im Untergrund«, Hrsg. Jutta Hercher und Barbara Schieb, Lukas Verlag Berlin, Oktober 2014, ISBN: 978-3-86732-157-0, 24,90 € |